Samstag, Februar 11, 2012

Vor der Krise? Oder schon mittendrin?

Jetzt habe ich sieben Punkte beschrieben, die für eine zukünftige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung eine Grundlage sein können. Aber "flächendeckend" ist noch keines davon umgesetzt. Es muss also wachsen, und je mehr sich die Krise verschärft, umso wahrscheinlicher ist es, dass gute Ideen an vielen Orten kopiert werden oder ganz neu entstehen. "Not macht erfinderisch." Auch in der argentinischen Krise vor etwa 10-15 Jahren wurde viel experimentiert mit Tauschwirtschaft, Parallelwährung usw.

Ein Grundeinkommen mit dem zugehörigen Steuersystem zu realisieren ist eine gewaltige Aufgabe, aber die Euro Rettung ist es auch. Der Unterschied: Die Rettung des Kapitalismus wie wir ihn kennen ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Tragfähige und durchdachte Konzepte, die ausgetretene Wege verlassen und das System nachhaltig verändern, haben dagegen eine Zukunft.

Die Realität dieser Tage jedoch: Immer neue Rettungspakete für angeschlagene Länder. Ein Krisengipfel jagt den nächsten. Ein Land ums andere wird von Rating-Agenturen herabgestuft. Betrifft uns das? Nein, noch merken wir im persönlichen Leben nicht viel davon, wenn wir in einigermaßen gesicherten Verhältnissen leben. Aber die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass das so bleibt. In Spanien herrscht jetzt schon eine unvorstellbare Jugendarbeitslosigkeit von 40%. Das birgt großen Sprengstoff. In den USA können Studierende ihre Kredite für die Studiengebühren nicht zurückzahlen, weil sie keine Aussicht auf einen Job haben. Wie sollen diese Leute am gesellschaftlichen Leben teilnehmen? Konsumieren, Familie gründen, Haus bauen, Karriere machen, noch mehr konsumieren? Das ist wohl nicht der künftige Weg. Und selbst auf bescheidenerem Niveau - wie sollen die Sozialversicherungen und Staatsaufgaben ihre Leistungen erbringen, wenn kaum noch jemand in dem Maße einzahlen kann, wie wir es heute noch kennen?

Wenn wir das Prinzip Hoffnung zugrunde legen, müssen wir aber keine Angst vor der Zukunft haben. Es hat in der Menschheitsgeschichte immer Krisen gegeben. In diesen Krisen ging viel verloren, aber das neue war meistens besser. Nehmen wir mal an, dass es wieder so kommt. Eigentlich sind die Perspektiven doch gar nicht so schlecht, wenn wir auf den Vorteilen der Krise aufbauen:

  • Der Konsum geht erheblich zurück, das schont Umwelt und Geldbeutel
  • Aus dem Mangel entsteht Solidarität. Während sich heute fast jeder alles leisten kann, obwohl er es gar nicht oder selten nutzt (Auto, Werkzeug u.ä.), wird die Knappheit der Ressourcen dazu führen, dass mehr Dinge ge- und verliehen oder getauscht werden.
  • Es gibt weniger Arbeit. Damit haben wir mehr Zeit für Bildung, Kultur, Familie, Freunde und soziales Engagement. Vergessen wir nicht: Wenn Arbeitslosigkeit ein Massenphänomen ist, sind "Arbeitslose" (also Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht mit einem Arbeitslohn bestreiten, deshalb aber sehr wohl arbeiten) auch keine Randexistenz mehr, sondern der "Mainstream".
  • Da keine Arbeitsagentur und kein Sozialamt mit diesen Mengen finanziell und personell zurecht kommt - abgesehen davon, dass das Geld gar nicht dafür reicht, weil der Staat pleite geht oder das Geld, das man ausgezahlt bekommt, nichts mehr wert ist und auch Beamte nicht mehr bezahlt werden können - schaffen sich Staat und Behörden letztlich selbst ab.
Nein, ich meine das keineswegs zynisch, auch wenn das zunächst so klingen mag. Ich sehe es nur aus einer anderen Perspektive, weil ich es für wünschenswert halte, dass
  • Arbeit und Einkommen gerechter verteilt werden
  • weniger konsumiert und Energie verbraucht wird
  • schlampig produzierte Güter nicht mehr um den halben Erdball geflogen werden, um nach kurzer Zeit hier in den Müll zu fliegen
  • Menschen wieder mehr direkt miteinander kommunizieren anstatt mit ihren Smartphones und Computern
  • unser Verwaltungsapparat verschlankt wird: So viele Milliarden Euro innerhalb eines Jahres ausgeben zu können oder zu müssen, erscheint mir nicht mehr nachvollziehbar.
Der Weg dahin kann freilich steinig werden. Man weiß, wie Menschen in Panik und Angst reagieren. Weil über all die Jahrzehnte der Popanz Wohlstand, Fortschritt, Wachstum aufgebaut wurde, bricht nach Meinung der Politiker und Eliten gleich alles zusammen, wenn dieses ihr Leitbild ausgedient hat, das wir brav für uns angenommen haben. Sie versuchen mit aller Kraft die Säulen - auch ihrer Macht - zu halten, die keiner mehr halten kann.

So müssen wir hoffen, dass nicht irgend jemand auf die Idee kommt, das Modell "Marktwirtschaft" mit einem kriegsinduzierten Reset von 0 zu beginnen - aber so dumm dürfte auch von den mittelmäßigen Damen und Herren an entsprechenden Stelllen kaum jemand sein. Das ist der Vorteil der Demokratie.

Und wir müssen aufpassen, dass die Vernunft und der Frieden die Oberhand behält. Das ist gar nicht so unrealistisch, wenn wir an die letzte Revolution auf deutschem Boden denken - sie war 1989 und sie war friedlich!

Im nächsten Eintrag gehe ich darauf ein, was jeder tun kann, um sich abzusichern, in möglichen Krisen zu bestehen und zum Frieden beizutragen:

- Halten Sie Ihr Geld zusammen und streuen Sie Ihr Verlustrisiko
- Reduzieren Sie Ihre Erwerbs-Arbeitszeit, um Sinnvolles in Ihrer Freizeit zu lernen
- Erlernen Sie jetzt schon Krisentugenden wie Gärtnern, Werken und Improvisieren
- Halten, reaktivieren und knüpfen Sie Kontakt zu Freunden, Verwandten und Nachbarn
- Engagieren Sie sich in Nachbarschaftshilfe, Freiwilligenagenturen, Katastrophenschutz
- Statten Sie sich für Notfälle aus: Bargeld, Dokumente, Notfallgepäck, Lebensmittelvorrat
- Lernen Sie eine Fremdsprache oder andere Kommunikationstechniken

Der Vorteil, wenn Sie all das jetzt tun: Jetzt können Sie es noch, es gibt die Infrastruktur und die Ordnung dafür. Sie üben - wie die Feuerwehr immer wieder ihre Abläufe üben muss, damit sie im Fall der Fälle klappen - und sind für den Ernstfall besser vorbereitet. Wenn einmal das Chaos angebrochen ist, wird zwar vieles möglich sein, von dem Sie heute noch nicht träumen, aber es wird schwieriger.