Mittwoch, September 05, 2012

Geld oder Leben?

Was ich auf der dOCUMENTA (13) am 20.8. (zu Gast bei der Veranstaltungsreihe "Winning Hearts and Minds" des Critical Art Ensemble) so plakativ in den Raum gestellt habe, wirft zurecht Fragen auf. Kann man von "Werten" leben? Funktioniert eine Gesellschaft ohne Geld? Sind neue Währungen, die ich propagiert habe - "Teilen, Tauschen, Schenken, Selbermachen" nicht in Wahrheit ein alter Hut? Ist Geld nicht unverzichtbar als Wertaufbewahrungs- und Tauschmittel? 

Naja, wenn ein Porsche-Vorstand 60.000 Euro die Stunde verdient und gleichzeitig über einen Mindestlohn diskutiert wird, ist das auch plakativ, aber - wie ich finde - wesentlich fragwürdiger als sich ein Leben mit Währungen vorzustellen, die im jetzigen "System 1" (Christoph Schlingensief) komplementär zu Geld existieren können und sehr ausbaufähig sind.

Einige Anregungen und Gedanken zu bisherigen und künftigen Währungen:
Bedingungsloses Grundeinkommen oder auch nicht - ein Blog auch mit kontroversen Standpunkten.
Bandbreitenmodell - eine Alternative, eher auf dem jetzigen Wirtschaftsmodell beruhend, protektionistisch?
Ein Seminar an der evangelischen Akademie Tutzing zum Thema Do-it-Yourself-Kulturen

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich werde mich weiter wiederholen, so wie es Plakate, Anzeigen, Werbebriefe, TV- und Kinospots, sogenannte Virale und Guerilla-Marketing-Kampagnen neuerdings tun, wenn es um "kauf dies, kauf das, kauf einfach irgendwas" tun. Teilen, Tauschen, Schenken, Selbermachen sind in der jetzigen Überflussgesellschaft ein Wegweiser. Regionalwährungen ergänzen diese Kulturen sinnvoll. Lernen wir es jetzt, wenn wir die Ruhe dazu haben und nicht erst, wenn Panik wegen eines schwarzen Freitags, einer montaglichen Währungsreform oder einem anderen Ereignis ausbricht.

Sonntag, August 26, 2012

dOCUMENTA (13) - Ein Rundgang durch die Karlsaue

Im ersten Teil des dOCUMENTA-Rundgangs habe ich versucht, die für mich wichtigsten Stationen im Schnelldurchgang und logistisch optimiert durchzugehen. Wohl dem, der Muße hat. Der soll sich natürlich mehr Zeit nehmen. Die Gebäude haben wir hinter uns gelassen, hoffen wir jetzt auf gutes Wetter. Auch wenn natürlich die meisten Dinge draußen sind, ist auch fast alles wettergeschützt in Pavillons untergebracht.

Kommen wir zum Teil 2 des dOCUMENTA Rundgangs, für den ich unbedingt ein Fahrrad empfehle, oder man ist ein wirklich guter Geher - aber lieber gemütlich Fahrrad fahren als hektisch laufen. Das Fahrrad fahren ist zwar in der Karlsaue offiziell verboten, aber keiner schert sich drum.


Mein Rundgang hat verschiedene Varianten. Entweder Sie beginnen an der Kunsthochschschule. Dort kommen Sie her, wenn Sie aus der Südstadt Kassels (Frankfurter Straße) und somit auch vom Weinberg kommen. Die Orientierung hier ist grob gesagt gegen den Uhrzeigersinn. Sehen Sie sich 76 - die aussterbenden Tierarten aus Abfällen gemacht an, das ist für mich auf dieser Seite eine der stärksten Arbeiten. Die Lichtinstallation (45) habe ich nicht verstanden, oder sie war kaputt. Dann würde ich die Mangoldfähre (123) überqueren, mir die Vietnam-Kriegerzeichnungen ansehen (98), rechts abbiegen zur Betonröhre (99), gleich wieder umdrehen. Frau Trockel (176) hat meiner Meinung nach nicht ihre Bestform hingelegt, also ruhig gleich weiter vor dem Ententeich rechts zur wärmstens von mir ans Herz gelegte Soundinstallation (37), in die Mitte der Lautsprecher gehen, Augen schließen, eine halbe Stunde Zeit zuhören.

Dann zurück auf den Weg zur Henkersplattform (53), weiter um den Teich herum zum Bienenkopf (83), wieder zurück zum Wohnwagen mit Booten im Baum (127), dann weiter Richtung Fulda zum Hippiegarten (120). Das Haus mit Kegeln (138) konnte ich mir nicht erschließen, den Hundeplatz (88)- naja, finde ich schön, wenn man Zeit und einen Hund hat, aber wenn nicht, dann nicht. Auch das Entenhaus mit dem Videoarchiv (187) lohnt nur einen Umweg, wennn man viel Zeit hat, denn nur ein Blick hinein bringt nicht viel.

Auch am Hippiegarten (120) braucht man Zeit, zumal man nicht fotografieren darf, lassen Sie sich durch die Pfade treiben, es ist ein schöner Ort voller Achtsamkeit, Poesie und Fantasie. Wer keine Hippies mag, geht einfach nicht rein. In Richtung Wassergraben (also nach rechts auf dem Plan betrachtet) lohnt sich ein kleiner Abstecher zum Glashaus (54) der documenta 12. Einerseits erinnert es an deren unsägliche Architektur und Präsentation in der Aue erinnert aber gefüllt ist das Glashaus hier wohltuend zurückhaltend. Die Gastronomie kann man im Auge behalten für spätere Verwendung, dort taucht auch nochmals die Protestlieder-Jukebox auf, die wir aus der Neuen Galerie kennen. Würstchen (nicht essbar) und allerlei anderes in Ton - oft fotografiert und in der Presse erwähnt und daher sehr gut besucht - ist die Nr. 107.

Ich würde dann per Brücke den Graben überqueren, von hier aus sieht man die Uhr (155) auch sehr gut. Wenn Sie schon ziemlich angespannt sind, gehen Sie direkt zum Sanatorium (147) oder lassen Sie sich vorher vom Geist (155) erschrecken. Im Sanatorium können Sie einen halbstündigen Termin für eine der dort angebotenen Therapien buchen, ich habe das Philosophische Casino mitgemacht und die Mudras. Es kommt auf die Gruppe an und den Therapeuten. Die Mudra-Schwestern waren an dem Tag etwas demotiviert, die Dame im Philosophischen Casino hat ihre Sache gut gemacht, die "Patienten"-Gruppe aber noch besser. Die Paartherapie lassen Sie lieber bleiben, sonst wird Ihnen der Rest des dOCUMENTA-Besuchs womöglich vergällt, und wenn bei Ihnen ohnehin alles super läuft, ist es auch sinnlos. Leider kenne ich die anderen Angebote nicht, sollen aber noch besser sein, weil sie umso ausgebuchter sind.

Und schon wieder geht's zurück zur Hauptachse, dort besuchen Sie ganz bestimmt das bunte Haus der Time/Bank (174). Queren Sie dann unbedingt zu 152, das ist dieser luftige Pavillon mit Vorhängen, in dem das "Threeing" angeboten wird von 14-17 Uhr (so war es jedenfalls als ich da war). Es macht großen Spaß und dauert nur wenige Minuten. Eines der zahllosen einfachen und doch praktischen "Geschenke", die man von dieser dOCUMENTA (13) mitnehmen kann. Auf dem weiteren Weg, gilt es zu entscheiden: Video gucken oder nicht? Wenn die Zeit reicht, würde ich mich für das knapp halbstündige skurille Video (60) über ein Elternpaar und deren vermeintlicher Afghanistan-Soldatensohn entscheiden.

157 mit den farbenfrohen Fahnen ist nett, würde aber freilich besser wirken, könnte man die Performance dazu sehen. Gleiches gilt für den Sound in Nr. 16, der auch nerven kann, wenn man eher auf Harmonie steht. Die Porno-Scherenschnitte in (6) sind auch sicher nicht jedermanns Sache, ich fand sie originell. 

Nun kann man in die Orangerie gehen (das wäre der Einstieg in die Tour, wenn man vom Friedrichsplatz, documenta-Halle bzw. Innenstadt herunterkommt), aber wie schon im ersten Teil des Rundgangs erwähnt, ist es schwierig die Kunst dort zwischen dem ganzen Technikkram, den das Museum auch sonst beherbergt, zu finden. Es sind meiner Meinung nach auch nicht die stärksten Arbeiten dort. Sehr schnell, da raumfüllend findet man das dreigeteilte Video (168) von dem Finnen über das Atomkraftwerk, das seine Landsleute in einer Kleinstadt bauen. Seufz, noch ein Video und so wenig Zeit.

Nun würde ich weiter an der Welle (22) vorbei zum Hügel (165) spazieren bzw. Fahrrad schieben, nach den Koniferen (101) Ausschau halten, mir vielleicht beim And And And Kiosk (12) ein lecker belegtes Brot oder eine Quiche holen und ein bisschen Pause machen. Weiter geht's über eine kleine Brücke abseits der Karlsaue zum Saharazelt (90), dann natürlich zum Bronzestein im Baum (133). Schauen Sie jetzt am Hang auf dieses monumentale Kriegerdenkmal, aber gehen Sie nicht da hinauf, sondern links davon (154). Lassen Sie sich überraschen, das hier sollten Sie auf jeden Fall machen, und wenn nicht aufwärts, dann abwärts, falls Sie gerade in der Neuen Galerie waren und hier der Einstieg für Ihren Rundgang in der Aue ist. Ansonsten ist das schon Ihr Ausstieg. Reicht ja auch, oder? 

Abschließend sei gesagt, dass ich für die Richtigkeit der Angaben (Nummern der Pavillons) und diese Beschreibungen keinerlei Gewähr oder Haftung übernehme, auch wenn es mir schwer fällt den Fall zu konstruieren, mit dem man mich verklagen könnte. Egal. Viel Vergnügen auf der dOCUMENTA (13).

Freitag, August 24, 2012

dOCUMENTA (13) - ein Gewinn für alle Sinne

Noch 25 Tage. Eine kurze persönliche Führung über die documenta 13.

Wer will schon nach Kassel? Fast keiner. Ich wollte auch nie dort wohnen, bin dann aber aus beruflichen Gründen 1991 hingezogen. Und 13 Jahre geblieben, bis ich wieder aus beruflichen Gründen nach Köln gezogen bin.

Alle 5 Jahre gibt es in Kassel die Documenta. Sie ist eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Die dOCUMENTA (13) untermauert diesen Ruf. Ich habe netto etwa 30-40 Stunden gebraucht, um alles  zu sehen (dabei habe ich natürlich nicht alles gleich intensiv betrachtet und erst recht nicht die Videos in voller Länge).

Es wurde viel Positives über diese dOCUMENTA (13) geschrieben. Ausnahmsweise kommt sie auch bei der Kunstkritik gut an. Mit Recht. Die dOCUMENTA (13) regt alle Sinne an. Sie fordert intellektuell heraus. Sie provoziert. Sie verstört. Sie verwirrt. Sie inspiriert. Sie lädt ein zur aktiven Teilhabe. Sie widmet sich nicht nur programmatisch ökologischen und sozialen Fragen, sondern auch praktisch: Keine Imperialisten-Cola von den großen Anbietern, sondern von einer Hamburger Brausefirma, fair gehandelten Bio-Kaffee, vegetarische Speisen, all das findet man. Frau CCB lässt sich nicht von der größten Limousine wie ihre Vorgänger, sondern einen UP!, dem kleinsten Modell des Hauptsponsors VW chauffieren. Oder sie fährt mit einem Fahrrad durch die Aue.



Es gibt allerhand zu entdecken. Wenn man nur einen Tag Zeit hat, sollte man auf jeden Fall an einem Wochentag gehen, denn am Wochenende ist es überfüllt, und man muss gut planen, es sei denn man hat Freude daran, mit anderen eine soziale Skulptur zu bilden, sprich sich nett in der Schlage zu unterhalten.

Schön ist sicherlich, eine dTOUR zu buchen. Das ist keine Führung im herkömmlichen Sinn, sondern man wird von "Worldly Companions" angeregt, sich auszutauschen. Schwer nur, sich für einen Ort der dTOUR zu entscheiden. Ich persönlich würde wahrscheinlich die Neue Galerie oder das Ottoneum nehmen oder den Hauptbahnhof. Das Fridericianum ist einfach zu voll. Versuchen Sie es dort lieber mittags auf eigene Faust. Was Sie vielleicht nicht sofort entdecken: Wenn Sie Glück haben, führt der Künstler Walid Raad um 15 Uhr durch seine Ausstellung (zu sehen in einem Gebäude in der Verbindungsstraße zwischen Friedrichsplatz und Königsplatz) - sonst nehmen Sie dort den Flyer mit und lesen, die Geschichte ist wirklich interessant. Irgendwie musste ich das assoziieren mit einer Kaffeefahrt nach Dubai (bitte diesen Link nicht ganz ernst nehmen, der Rentrop Verlag wirbt schon seit Jahrzehnten so).
Recht markantes Bild nahe des Unteren Karlsstraße Ausstellungsraums

Kleiner Vorschlag für eine Tour über ein bis zwei oder mehr Tage

Ich führe hier der Einfachheit halber meine Beschreibung und die Nummer im Plan in Klammern auf, Künstlernamen und Titel stehen im Buch. Meine Beschreibungen mögen teilweise etwas flapsig klingen, aber ich bin wirklich ein großer Fan dieser dOCUMENTA, und ich will keinen Künstler brüskieren, es ist halt immer so, dass man nicht mit JEDEM EINZELNEN etwas anfangen kann. Die nachfolgende Beschreibung ist in einem auf der dOCUMENTA-Karte basierenden Plan blau gekennzeichnet, der Weg in der Karlsaue ist braun gehalten.


 
So, los geht's am Hauptbahnhof. Entweder Sie leihen sich gleich zur Einstimmung den iPod aus am Offenen Kanal (37/ rechts neben dem inzwischen geschlossenen Drogeriemarkt). Dauert ca. 20 Minuten, lohnt sich unbedingt, und wer mehr von diesen Künstlern will, MUSS unbedingt in der Karlsaue ganz nach hinten zu Nr. 37 - aber dazu später mehr. Wer unglücklicherweise beides verpasst, tröstet sich mit einem kleinen Ausschnitt. Am Südflügel ganz hinten kann man auch anfangen, wenn es woanders zu voll ist. Wenn man Zeit hat: ich fand das Video (2), eine Fiktion über die Anfertigung einer Statue eines Militärdiktators, ganz witzig. Die Briefumschläge (141) sind schnell gesehen, beim Abendmahl in Simbabwe (41) bin ich etwas länger geblieben. Beklemmend sind die letzten Momente der Handyfilmer des arabischen Frühlings (122). Tipp: Daumenkinos von vorne nach hinten abspielen, das machen die meisten verkehrt herum. Wenn es schon eilt, gehen Sie hinüber zum Nordflügel, ansonsten kratzen Sie sich noch den Kopf oder Sack bei skurillen Videos (161) im 1. OG, erotisch? Naja, wer es mag - 182 nebenan war mir aber etwas zu esoterisch. 

Die Nachrichtenmeisterei weiter hinter dem Südflügel ist eher etwas, wenn Sie am späten Abend noch ein paar Minuten übrig haben und den Kreis schließen wollen. Dort ist auch eine informelle Gastronomie, schön am frühen Abend. AndAndAnd dahinter in der Turnhalle erfahren Sie besser mittags in der Karlsaue beim Imbiss. Bei den Entfernungen zeigt sich schon im Bahnhof, warum es sich lohnt ein Fahrrad zu haben, spätestens in der Karlsaue wird es zur Gewissheit.

Ich fand die rechte Seite des Nordflügels interessanter, die Jalousien (189) kann man in der Warteschlange von William Kentridge (93) betrachten , wenn man Glück hat ist bei William Kentridge keine Schlange. Nutzen Sie die Wartezeit auch, um etwas zu dem Erdhügel (139) vor den Holz-Nähmaschinen (44) im Nordflügel zu lesen, das kommt live auch besser, beim Hören im Vorbeigehen, versteht man nicht so recht, was hier gespielt wird. Der Raum hinter den Nähmaschinen ist zwar sehr interessant, aber Breitenau, das sich als Thema durch die Ausstellung zieht, ist ein eigenes Kapitel, und es ist etwas frustrierend, wenn man nur an der Oberfläche kratzt. Wer noch nie auf einem Schrottplatz war, gucke sich die ausgesuchten Stücke von Frau Favaretto an. Um 12 Uhr ist dahinter täglich eine Performance eines anderen Künstlers im grauen Haus (42) des Critical Art Ensemble - meine Performance am 20.8. haben Sie leider verpasst? Schade.

Jetzt wird es strategisch wichtig, richtig zu planen. Je nach Uhrzeit kann es sinnvoll sein, die Mittagszeit für die Neue Galerie zu nutzen, um das wahnsinnige Werk im 1. OG (59) mit den TIME Ausschnitten der letzten 65 Jahre anzusehen. Dort dürfen nicht viele Leute rein, und man hat schon Wartezeiten von 1 Stunde gesehen. Fahren Sie am besten mit dem documenta-Bus vom Hauptbahnhof bis zur Haltestelle Rathaus.

Besuchen Sie zunächst das Hugenottenhaus. Da ganz unbedingt die Tanzperformance erfahren (159), die im Plan zwar unter "Hotel Hessenland" steht, aber am einfachsten über das Nachbargrundstück rechts vom Hugenottenhaus und den Hinterhof erreichbar ist. Leider auch inzwischen gut besucht, aber vielleicht auch deshalb umso spannender. Das Haus selbst ist nett, aber eben auch immer gut besucht.

Den Rest in der Umgebung des Hugenottenhauses habe ich mir ehrlich gesagt nur ganz kurz angesehen, keine klare Kaufempfehlung hier. Wer mal ein richtiges Durcheinander in einer Stadtbücherei sehen will, muss kurz ums Hugenottenhaus herum rechts, verboten über die Straße und hoch in den 5. Stock des hässlicheren Teils des Rathauses. Aber Vorsicht Öffnungszeiten! Nur bis 14 Uhr, am Montag gar nicht, und am Donnerstag bis 17 Uhr.

Wenn Sie in der Neuen Galerie ankommen, vertreiben Sie sich ggf. die Wartezeit im Untergeschoss (orientalische Märchentheater mit antiken Puppen auf Video, ein Handyvideo - naja - ein gläserner Knoten (94)  - schnell gesehen - und ein paar lustige Schwarz-Weiß-Miniaturfotografien (129) mit Kommentaren). Aber auch bei den reichlich vorhandenen anderen Werken im Obergeschoss muss man sich nicht grämen, wenn man das TIME-Panoptikum nicht sieht. "Zur Not" ist hier auch der "normale" Bestand der Neuen Galerie zu sehen, auch nicht zu verachten. Im OG fand ich besonders beeindruckend das Interview-Video mit einem Auftragskiller aus Lateinamerika, das in Kassel aufgezeichnet wurde, läuft nur auf einem Fernseher in einer Nische (7). Der Rest ist glaube ich schnell selbst zu entscheiden: Bilder, Skulpturen - gefällt, interesssiert oder nicht. Über die "Anger Workshops" (149) im Zentrum des 1. OG können Sie nachlesen oder selbst einen buchen, nachdem Sie sich Ihr Frust über die langen Wartezeiten aufgebaut hat. Die Musikbox gibt es in der Karlsaue-Gastronomie nochmal.

Aus der Neuen Galerie heraus gehen Sie einmal der straßenabgewandten Seite entlang bergab bis zur Brücke, mit deren Hile Sie die Straße überqueren zum Weinberg.
(Hier muss ich mal etwas loswerden: Früher hatte die Stadt Kassel 63% Grünflächen, das ist rekordverdächtig für eine deutsche Großstadt. Und was machen sie nun? Zubetonieren anstatt die zahlreichen Unorte aufzuwerten und leerstehende Gebäude und Brachflächen zu erschließen. Als ich wegzog, waren es nur noch 59% Grünfläche (2003, fragen Sie mal wieviel es jetzt noch sind), und anstatt mit seinem wertvollen Grün anständig umzugehen, wird jetzt hier auch dieser Erlebnis-Tourismus veranstaltet. Grimm-Welt, bitte, was soll das denn? Das Grimm-Museum gegenüber der Neuen Galerie ist total nett und beschaulich und passt zu den Brüdern Grimm, aber nein, jetzt soll da gleich wieder ein Erlebnispark draus werden, vielleicht mit Achterbahnanschluss in die Aue, und den Zissel machen wir ganzjährig, und wenn die Buden schon mal alle stehen, kann man auch das Bowling Green anständig betonieren, damit da nicht so viel gegossen und Rasen gemäht werden muss und die Bürger da faul rumlungern - so wird wieder eine ansprechende Grünfläche geopfert, obwohl genau das der USP von Kassel ist. Naja, ich bin jedenfalls dagegen, es gibt auch eine Bürgerini, aber ich wohne da ja nicht mehr. So, schneiden Sie diese Passage raus, bevor Sie es ausdrucken, Sie wollten ja geführt und nicht von einem Ex-Kasseler mit Tourette-Anfall belehrt werden.)

Also weiter im Text. Sie können nun vom Weinberg oben links neben dem Museum für Sepulkralkultur verbotenerweise (Schild ignorieren) durchs Törchen von oben in die Weinberg-Terrassen (179), um die etwas apokalyptischen Gips-Skulpturen zu sehen, laufen Sie bis ganz unten und machen noch einen Abstecher über den Bunker (oder sparen Sie ihn sich, es gibt den Bunker, Flötentöne und noch etwas zu sehen, was ich vergessen habe). Dann geht es über die breite Straße ins Grüne, nämlich in den Auepark. Über die Karlsaue kommen Sie ca. an 145 oder 76 heraus, laufen am Wassergraben zurück Richtung Orangerie, nehmen links beim AndAndAnd Kiosk (42) noch eine Schnitte Brot mit und setzen sich auf die orange Bank am Grünen Hügel im Nichtstun Garten (165).

Noch kein Feierabend? Kleines Zeitfenster? Dann gehen Sie lieber zur documenta Halle. In der Orangerie verzetteln Sie sich nur mit der ständigen Ausstellung an Fernrohren, alten Telefonen und anderen Technikgeräten. Und die Kunst ist hier ein bisschen schwierig zu finden, wie ich finde. Richtig erinnern kann ich mich nur noch an die Aufführung im Planetarium und ein Audiospielzeug (95). 

Versuchen Sie erst gar nicht in der Aue noch etwas groß anzugucken außer im Vorbeigehen. Es ist zu spät, und Sie haben Ihr Fahrrad vergessen, denken Sie morgen dran. 

Wenn es also noch früh genug ist, durchstreifen Sie den Keller der documenta Halle. Der Teil (Video, technisches Wasserkonzept für Menschen) links vom Café (119), bedarf eingehender Betrachtung, weil es verstörend aktuell ist. Rechts vom Café geht es zurück in die 80er (25 - genau zuhören bei den Motoren!), endlich ist dieser Raum mal richtig gut bespielt. Überhaupt habe ich bei dieser dOCUMENTA (13) das Gefühl, dass jeder Raum den richtigen Künstler bzw. jeder Künstler den richtigen Raum gefunden hat. Das kleine Filmchen hinter dem Riesen-Flugzeug aus kleinen Flugzeugen muss man nicht unbedingt gucken, aber das Video-Schattenspiel ganz hinten (108) sollte man nicht verpassen. 

So, das haben Sie jetzt aber tapfer geschafft. Das überlackierte Internetbilder-Panoptikum ist so-so. Ich meine, hier lohnt sich das Schlangestehen nicht. Ich finde es zwar schlau gedacht, von wegen Bilderflut und verschwinden lassen, und was ist Kunst wert etc., aber als ich heute den Künstler sah, wie er sich mit seinem Porträt zeigte, das er heute übermalen lässt - naja, das überzeugt mich nicht so. 

Noch ein alternativer Weg zwischen Fridericianum und Hauptbahnhof, den ich unbedingt empfehle: Gehen Sie vom Friedrichsplatz nicht die Treppenstraße hinauf, sondern durch die Untere Karlstraße, die - wenn man vor dem Fridericianum steht - links daran vorbei führt. In der Biegung stoßen Sie auf zwei Eingänge, ich persönlich fand den linken und dort das EG (143) am besten. Dann gehen Sie zum Königsplatz hoch, ein kurzer Blick ins Kaskade-Kino (26) ist amüsant, kurzweilig, und man weiß nicht, ob man sich jetzt schämen muss, dass man gelacht hat. Gucken Sie sich die zwei Filme schamlos an, sie dauern vielleicht insgesamt 6 Minuten oder so. Dann gehen Sie weiter, und zwar am schönsten an diesem Einkaufzenturms-Klotz namens Citypoint vorbei (nicht deswegen) über den Lutherplatz, dort ist ein alter Friedhof und nebendran bei der Kirche die Keimzelle für "essbare Landschaften" in Kassel. Ok, nicht verzetteln, dahinter ist das alte Finanzamt (48) mit den fragilen Kreidezeichnungen aus kaputtem Filmmaterial, das eigentlich für einen Afghanistan - noch ein Film - vorgesehen war. Viel besser so, aber verrückt, dass das nachher einfach weg sein wird. Genießen Sie den Anblick.

Morgen geht es weiter mit Tag 2 oder 3 auf der dOCUMENTA (13). Da machen wir dann den Halbmarathon durch die Karlsaue. Das Fridericianum ist ohnehin Pflicht, das werde ich erst gar nicht besprechen, vielleicht wollen Sie sich ja doch hier im "Brain" der künstlerischen Leiterin den dTOUR-Worldly Companion nehmen.

Montag, August 20, 2012

dOCUMENTA (13) Performance:

Make Love, not Money.


Today, on 20 August, I will have my performance at the Critical Art Ensemble dOCUMENTA (13) site at the very end of the Main Railway station's Northern Wing. A currency reform is taking place, it is about the worth of money and human values.

On the Plan, the grey house is numbered with a 42, it is right behind Lara Favaretto's sculpture.

Some useful resources related to the subjects of a future currency like Sharing, Exchanging, Giving, Doing it yourself:
(all dOCUMENTA (13) participants) 
and further

more to follow.

Donnerstag, Juli 05, 2012

Währung, Werte



So, EM-Zirkus vorbei. Ein Afrikaner hat das Finale neben mir vor der Leinwand bei einem italienischen Restaurant geguckt, eine ältere deutsche Frau unterhielt sich nett mit ihm (der drei Sprachen fließend sprach: Deutsch, Französisch, Englisch - besser als ich jedenfalls), die mehrheitlich italienischen Fans applaudierten am Ende. Das ist Fairness-Kultur.


Aber zurück von der schönsten Nebensache zur Hauptsache: Was ist uns Geld wert? Was sind uns unsere Werte wert? Mit dieser Frage gehe ich auf die dOCUMENTA (13) nach Kassel. Am Montag, den 20.8. um 12 Uhr mittags werde ich im Hauptbahnhof Kassel einen Vortrag über Währungen und Werte halten. Die Zuhörer werden dabei - wenn sie es wagen - mit einer kleinen Herausforderung konfrontiert.


Mein heutiger Buchtipp über Alternativen und Ergänzungen zum heutigen Geld:
People Money: The Promise of Regional Currencies

Samstag, Juni 16, 2012

Schland, oh Schland 


Beobachtungen während der EM: Autokorso nach gewonnenem Gruppenspiel gegen Portugal. Naja, etwas übertrieben. "Deuschland" oder "Schland" skandierende Menschen mit umgehänger Schwarz-Rot-Gold-Fahne. Nicht meins, aber auch nicht schlimm. 

Autonome, die versuchen möglichst viele Deutschland-Fahnen (wg. Nationalismus) von Autos und Häusern zu klauen. Kindisch, intolerant, übertrieben. Liebe Autonome, klaut ihr auch italienische, griechische, spanische, italienische Flaggen? Das müssten dann doch auch Nationalisten sein. Sind - nach dieser Logik - Nationalisten aus dem Ausland besser als deutsche Nationalisten? Bitte mal nachdenken. 

Warum ich keine Angst vor Deutschlandflaggen habe: Ich bin im toleranten Köln, das ist natürlich ein Vorteil. Und am S-Bahnhof skandierten oben genannte Fahnenträger gerade noch Schland, da kam ein älteres gehbehindertes Pärchen und bat um Hilfe. Genau diese Gruppe stellte unverzüglich ihre Schland-Rufe ein und half zuvorkommend, wie man es selten erlebt. Schön, oder?

Sozialkapitalismus


Im Sozialismus herrschte Mangel. Die Staaten waren trotzdem überschuldet. Im Kapitalismus herrscht Überfluss. Nicht nur die Staaten sind überschuldet, sondern auch Privatpersonen, Banken, Unternehmen.

Insofern ist es eine Frage der Zeit, bis auch der Kapitalismus, wie wir ihn kennen, zusammenbricht wie ein Kartenhaus. Jetzt könnten wir noch freiwillig reformieren. Hätten wir schon vor 20 Jahren machen können. Die Grundlage gab es: Der Rio-Gipfel 1992. 2008/09 in der Finanzkrise wurde eine weitere Chance vertan.

Aber Ideen und Bewegungen wie Grundeinkommen für alle, Regionalgeld, Postwachstumsökonomie, Tauschwirtschaft und vieles andere mehr brauchen ihre Zeit, um in der Mitte der Gesellschaft anzukommen. Solange sie dort nicht sind, sind sie für Politiker ein blinder Fleck. Solange diese Ideen von den größten Unternehmen der Welt ökonomisch nicht nutzbar sind, fehlt die "Marktdurchdringung". Und die Forscher forschen mit staatlicher Unterstützung weiter, was schon längst klar ist: Unseren westlichen Lebensstil können wir nicht aufrecht erhalten, weil dafür die Rohstoffe und das Geld nicht ausreicht. Wir leben auf Kosten der kommenden Generationen.

Eine Wertereform im Sinne des Rio-Gipfels (Agenda 21, nachhaltige Entwicklung) wird sich weiter durchsetzen. Welche Werte jetzt schon im kleineren Maßstab in der Praxis funktionieren, erleben wir täglich, ohne es zu wissen. Ein neues Buch des kleinen aber feinen oekom-Verlages zeigt Beispiele. Es heißt Gemeinsam sind wir reich: Wie Gemeinschaften ohne Geld Werte schaffen.

Mittwoch, Juni 06, 2012

Wegwerfgesellschaft


Alle 6 Jahre - so will es der Gesetzgeber - müssen Wasseruhren und Wärmezähler von Heizungen neu geeicht werden. Aber man kennt das aus anderen Branchen: Heutzutage wird nicht repariert, sondern neu gekauft. Um es kurz zu machen: In unseren 34 Wohnungen wurde gestern ein Sachwert von ca. 10.000 Euro vernichtet und auf einen Schrottwert von Messing reduziert. Alle Zähler sind intakt und könnten es die nächsten 10 Jahre auch noch sein, aber es ist billiger neue einzusetzen und die alten zu verschrotten als die bestehenden Zähler neu zu eichen.

Schlussfolgerung: Es ist etwas dran an der Forderung, die Mehrwertsteuer (für den Kauf) drastisch zu erhöhen und die Einkommenssteuer drastisch zu senken bzw. abzuschaffen. Denn dann würde mehr repariert und gewartet (Arbeit wird ja durch sinkende Lohnnebenkosten billiger) und weniger Ware produziert und verkauft. Ich bin mir auch sicher, dass die arbeitsintensivere Reparatur mehr Arbeitsplätze schafft oder erhält als ein weitgehend automatisierter Betrieb der Massenproduktion.

Das Buch von Götz Werner:
1.000 Euro für jeden: Freiheit. Gleichheit. Grundeinkommen

Mittwoch, Mai 16, 2012

Fußball, Chaos, Randale


Unschön: Gestern in Düsseldorf - eine entfesselte Menge (aber keine schlimme Gewalt).
Bedrohlich: Anheizer und Gewalttäter unter Demonstranten und Fußballfans. Wem nützen sie? Nicht der eigentlichen Sache, sondern denen, die Demonstranten oder andere Menschenmassen unter Kontrolle bringen wollen.
Idiotisch: Polizisten werden als Prellböcke zwischen Extremisten eingesetzt. Sorry, aber wenn Rechtsextreme provozieren und Salafisten wüten, Autonome gegen Nazis antreten, dann sollen die das mal schön unter sich ausmachen. Auch wenn mir Darwinismus fremd ist: In diesem Fall möge der Stärkere gewinnen (also keiner). Eine Zone mit Gewalt-Erlebnisparks wie einst von der APPD (Anarchistische Pogo-Partei) gefordert, ist da gar nicht mehr so abwegig.

Wer schlau ist, tritt den Ball selbst oder macht sonstwie Sport. Es gibt ja jetzt auch diese genialen Freizeittore für den Fußballfreund:
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Sonntag, März 18, 2012

Euro ade?

Wie geht es weiter? Euro ade?


"Der Mensch akzeptiert Veränderungen nur unter dem Druck der Notwendigkeit, welche er aber erst im Krisenfall erkennt."
Jean Monnet


Nun, es muss nicht alles schlimm kommen. Europas Politiker haben bisher recht besonnen gehandelt und auch nicht so verkehrt. Immerhin haben sie den Euro gehalten und das größte Chaos vermieden. Problem ist dabei nur, dass sie die eigentlichen Probleme nicht lösen, sondern nur verschieben und die Folgen verstärken, da immer mehr Geld im Spiel ist. Die gute Nachricht könnte freilich sein, dass durch die bisherige Verteilung von Vermögen von unten nach oben, es überproportional die "Oberen" trifft, weil die "Unteren", denen vieles genommen wird, nicht mehr so viel zu verlieren haben.


Eine Währungsumstellung wird wohl sicher kommen. Zuerst werden sich die Griechen aus dem Euro verabschieden, um ihre eigene Währung Drachme (und ihre ebenso umgetauschten Schulden) beliebig abwerten zu können. Anders könnten sie ihre Schulden niemals zurückzahlen. Aber wenn die schlauen und vermögenden Griechen (wie schon geschehen) ihre "schlechten" Euros in die noch guten Euro Länder bringen, um eine Abwertung ihres persönlichen Vermögens zu vermeiden? Wenn das im großen Maßstab geschieht, müssen die anderen Euroländer nachziehen und ihre alten Euro in neue umtauschen.


Vielleicht werden andere Eurostaaten (Italiens Lire, Spaniens Peseta, Portugal...?) aus den gleichen Gründen wie Griechenland aussteigen. Vielleicht werden auch alle Euroländer schweren Herzens zu ihren Landeswährungen D-Mark, Francs, Gulden etc. zurückkehren. Wie auch immer: Ohne Abwertung geht es nicht. Wie so eine Währungsumstellung aussehen könnte und wie Währungsumstellungen gehandhabt werden, finden Sie hier auf den Goldseiten ausführlicher.



Ehemalige DDR-Bürger mögen sich auch noch an ihre - recht schmeichelhafte - Währungsumstellung erinnern. Um Betrügereien möglichst weitgehend zu vermeiden, passieren Währungsschnitte jedenfalls immer ad hoc, d.h. z.B. übers Wochenende.

Freitag, März 09, 2012

Klima hin oder her: Debatte überflüssig

Klimawandel: Die Debatte ist überflüssig 


Egal ob und warum die Temperatur steigt oder sinkt: Wir verbrauchen einfach zu viel Ressourcen. Punkt. Ende. Die Milliarden für Forschung und Entwicklung von High-Tech-Lösungen sind Beschäftigungstherapie und rausgeschmissenes Geld für Klimawarner und Klimaskeptiker.

Die Mittel wären besser investiert in einer milliardenschweren Marketingkampagne. Ziel und Botschaft: weg von maßlosem Konsum und blindem Wachstumsglaube - hin zum vernünftigem Ressourcenverbrauch und der Beschäftigung mit Dingen im Leben, die glücklicher machen als Zeug, das letztlich keiner wirklich braucht und immer mehr Leute frustriert und verärgert.

Wir könnten das Paradies auf Erden haben, aber statt alle weniger zu arbeiten, weniger zu verdienen, weniger Geld auszugeben und mehr in die eigene Hand zu nehmen, sind die einen gestresst von der Arbeitslosigkeit, die anderen von zu viel Arbeit, und die nächsten wegen Schulden für Dinge, die sie nicht brauchen um Leute zu beeindrucken, die sie nicht mögen (das Zitat ab "Dinge" ist sinngemäß geguttenbergt, ich weiß aber nicht mehr bei wem).

Mittwoch, Februar 22, 2012

Vorsorge für den Krisenfall

Muss ich vorsorgen? Und wenn ja wie?

Reduzieren Sie Ihre Erwerbsarbeitszeit...



  • Nutzen Sie staatliche Informationsangebote und lernen Sie die Gesetzeslage kennen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat dazu eine Broschüre herausgegeben, die Sie als PDF herunterladen können. Wegen der Steuerprogression sinkt Ihr Einkommen geringer als Ihre Arbeitszeit, d.h. Sie bekommen sogar mehr pro Stunde!
  • Eine weitere Möglichkeit ist das Sabbatjahr. Sie arbeiten z.B. drei Jahre Ihre volle Arbeitszeit zu drei Viertel des Gehalts und nehmen das vierte Jahr eine Auszeit bei voller Lohnfortzahlung. Beliebt bei Lehrern, möglich aber auch in anderen Berufsfeldern.

...und lernen Sie dafür Nützliches wie Gärtnern, Werken und Improvisieren


Der Biogarten: Das Original. Mit Pflanzenschutz-Kompass

Halten, reaktivieren und knüpfen Sie Kontakt zu Freunden, Verwandten und Nachbarn

  • Nutzen Sie Ihr Smartphone für sinnvolle Dinge. Rufen Sie einmal pro Woche jemanden an, den Sie mögen, wo seit dem letzten Kontakt aber schon (zu) viel Zeit vergangen ist. Und wenn das Telefonat nicht reicht, verabreden Sie sich zum Mittagessen, Kaffee, Tee...

Engagieren Sie sich in Nachbarschaftshilfe, Freiwilligenagenturen, Katastrophenschutz


  • Seien Sie aufmerksam, wenn jemand Hilfe brauchen könnte. Fragen Sie einfach, man wird es Ihnen danken, auch wenn Ihr Hilfsangebot abgelehnt wird. In vielen Städten gibt es Freiwilligenagenturen, die vielfältige Tätigkeiten vermitteln (www.bagfa.de, oder eine Art Nachfolger für den ehemaligen Zivildienst: www.bundesfreiwilligendienst.de). Über Nachwuchs freuen sich auch die Freiwilligen Feuerwehren oder das Technische Hilfswerk THW (www.thw.de). Sie lernen hier einiges, was Ihnen in Katastrophen- und Krisensituationen weiterhelfen wird.

Lernen Sie eine Fremdsprache und Kommunikationstechniken 

  • Die Welt ist voller Möglichkeiten: Volkshochschulen bieten zahlreiche Sprachkurse an. Türkisch, Italienisch, Chinesisch, Russisch. Es ist nie verkehrt, Grundkenntnisse parat zu haben, wenn man Menschen aus anderen Ländern in der eigenen Nachbarschaft näher kennen lernen möchte. Viele Zuwanderer stammen aus wesentlich ärmeren Verhältnissen und sind krisenerprobter als wir. Auch Bildungsurlaub ist eine sehr gute Möglichkeit, sich fort- und weiterzubilden (www.bildungsurlaub.de). 
  • Wenn es Sie in die Öffentlichkeit treibt: Besuchen Sie ein Rhetorikseminar oder gehen zu den Toastmasters, um die Kunst der freien Rede zu lernen und zu üben.
 

Statten Sie sich für Notfälle aus: Bargeld, Dokumente, Notfallgepäck, Lebensmittelvorrat

  • Legen Sie Vorräte für mindestens zwei Wochen an - so lautet die Empfehlung des Bundesinnenministeriums. Stocken Sie - nicht auf einmal, aber kontinuierlich - Ihre Vorräte an Nahrungsmittel und Waren des täglichen Bedarfs (Hygieneartikel etc.) auf. Das hört sich jetzt vielleicht übertrieben an, aber bedenken Sie: Eine Katastrophe (Unwetter, Chemie- oder Atomunfall) ist auch in Mitteleuropa nicht auszuschließen, und selbst wenn sie woanders stattfindet, kann es sein, dass wir davon betroffen sind. Grund ist, dass wir zwar heute vom weltweiten Warenverkehr profitieren, davon aber auch abhängig sind wie selten zuvor. Ein Supermarkt schlägt manche Waren innerhalb eines Tages um, und wenn eine Lieferung im großen Umfang ausfällt, klafft an dieser Stelle ein großes Loch im Regal und Sie haben nichts zu essen. Wenn zudem eine Panik ausbricht, kommt es zu Hamsterkäufen, und die Märkte sind noch schneller leer - sicher sind Ihnen noch die Bilder aus dem Hightech-Land Japan nach der Fukushima-Katastrophe in Erinnerung.
  • Empfehlungen zur Vorratshaltung finden Sie auch auf den Webseiten der Verbraucherschutzministerium des Bundes und der Länder (www.ernaehrungsvorsorge.de). Hier ein paar Tipps zur Ergänzung: Kaufen Sie lang haltbare Artikel wie Honig, Reis, Nudeln, Getreide, Konserven, getrocknete oder anders haltbar gemachte Artikel. Auch gut verpacktes Schwarzbrot ist oft ein halbes Jahr haltbar. Verbrauchen Sie Ihren Vorrat und füllen ihn immer wieder auf. Kaufen Sie aber nichts, was Sie auch in normalen Zeiten essen würden. Denken Sie daran, Ihre Vorräte auch verarbeiten zu können. Vielleicht legt die Nachbarschaft für eine Getreidemühle zusammen. Auch die Anschaffung eines leistungsfähigen Campingas-Kochers und Gasflaschen ist kein Fehler. Wenn Sie darauf setzen wollen, sind Genussmittel wie Schnaps, Kaffee und Schokolade auch keine Fehlinvestition für einen möglicherweise blühenden Tauschhandel.
  • Verwahren Sie Ihre persönlichen Dokumente in Sicherheit. Scannen oder kopieren Sie sie und verwahren den Datenspeicher bzw. die Kopien an einem sicheren Ort, am besten einmal in, einmal außerhalb Ihrer Wohnung.
  • Denken Sie über die Anschaffung eines Wasserfilters nach. Für den Haushalt ist das nie verkehrt, denn unsere Wasserwerke liefern zwar "sauberes" Trinkwasser, aber: was sich auf dem Leitungsweg an Keimen und Verunreinigungen abspielt, kontrolliert keiner - und: Wasserwerke kontrollieren nur 50 potenzielle Schadstoffe. Medikamentenrückstände und weitere gesundheitsgefährdende Stoffe werden nicht kontrolliert. Die können Sie mit guten Wasserfiltern (nicht die Kannen mit Einsatz, sondern fest installierten Aktivkohle-Filtern z.B. von carbonit) reinigen. Einfache Modelle kosten nicht viel mehr als 100 Euro. Wer's mag, kann sein Wasser auch völlig reinigen und sich eine kleine Osmoseanlage kaufen. Die gibt's ab ca. 800 Euro und filtert wirklich alles. Nachteil: Um einen Liter Trinkwasser zu gewinnen, werden 2-3 Liter ins Abwasser gespült.

Ist Ihnen das alles zu viel? Dann wandern Sie aus in ein Land, das als krisensicher gilt. Panama zum Beispiel. Oder in ein Land, wo Sie ohnehin mit weniger als hier zu Lande auskommen müssen - da ist die Auswahl groß, denn das ist eindeutig die Mehrzahl der Länder auf dieser Erde. Oder in ein Land, das schon eine oder mehrere Krisen hinter sich hat, wie z.B. Argentinien. Aussteigertipps finden Sie hier.




Samstag, Februar 11, 2012

Vor der Krise? Oder schon mittendrin?

Jetzt habe ich sieben Punkte beschrieben, die für eine zukünftige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung eine Grundlage sein können. Aber "flächendeckend" ist noch keines davon umgesetzt. Es muss also wachsen, und je mehr sich die Krise verschärft, umso wahrscheinlicher ist es, dass gute Ideen an vielen Orten kopiert werden oder ganz neu entstehen. "Not macht erfinderisch." Auch in der argentinischen Krise vor etwa 10-15 Jahren wurde viel experimentiert mit Tauschwirtschaft, Parallelwährung usw.

Ein Grundeinkommen mit dem zugehörigen Steuersystem zu realisieren ist eine gewaltige Aufgabe, aber die Euro Rettung ist es auch. Der Unterschied: Die Rettung des Kapitalismus wie wir ihn kennen ist letztlich zum Scheitern verurteilt. Tragfähige und durchdachte Konzepte, die ausgetretene Wege verlassen und das System nachhaltig verändern, haben dagegen eine Zukunft.

Die Realität dieser Tage jedoch: Immer neue Rettungspakete für angeschlagene Länder. Ein Krisengipfel jagt den nächsten. Ein Land ums andere wird von Rating-Agenturen herabgestuft. Betrifft uns das? Nein, noch merken wir im persönlichen Leben nicht viel davon, wenn wir in einigermaßen gesicherten Verhältnissen leben. Aber die Wahrscheinlichkeit sinkt, dass das so bleibt. In Spanien herrscht jetzt schon eine unvorstellbare Jugendarbeitslosigkeit von 40%. Das birgt großen Sprengstoff. In den USA können Studierende ihre Kredite für die Studiengebühren nicht zurückzahlen, weil sie keine Aussicht auf einen Job haben. Wie sollen diese Leute am gesellschaftlichen Leben teilnehmen? Konsumieren, Familie gründen, Haus bauen, Karriere machen, noch mehr konsumieren? Das ist wohl nicht der künftige Weg. Und selbst auf bescheidenerem Niveau - wie sollen die Sozialversicherungen und Staatsaufgaben ihre Leistungen erbringen, wenn kaum noch jemand in dem Maße einzahlen kann, wie wir es heute noch kennen?

Wenn wir das Prinzip Hoffnung zugrunde legen, müssen wir aber keine Angst vor der Zukunft haben. Es hat in der Menschheitsgeschichte immer Krisen gegeben. In diesen Krisen ging viel verloren, aber das neue war meistens besser. Nehmen wir mal an, dass es wieder so kommt. Eigentlich sind die Perspektiven doch gar nicht so schlecht, wenn wir auf den Vorteilen der Krise aufbauen:

  • Der Konsum geht erheblich zurück, das schont Umwelt und Geldbeutel
  • Aus dem Mangel entsteht Solidarität. Während sich heute fast jeder alles leisten kann, obwohl er es gar nicht oder selten nutzt (Auto, Werkzeug u.ä.), wird die Knappheit der Ressourcen dazu führen, dass mehr Dinge ge- und verliehen oder getauscht werden.
  • Es gibt weniger Arbeit. Damit haben wir mehr Zeit für Bildung, Kultur, Familie, Freunde und soziales Engagement. Vergessen wir nicht: Wenn Arbeitslosigkeit ein Massenphänomen ist, sind "Arbeitslose" (also Menschen, die ihren Lebensunterhalt nicht mit einem Arbeitslohn bestreiten, deshalb aber sehr wohl arbeiten) auch keine Randexistenz mehr, sondern der "Mainstream".
  • Da keine Arbeitsagentur und kein Sozialamt mit diesen Mengen finanziell und personell zurecht kommt - abgesehen davon, dass das Geld gar nicht dafür reicht, weil der Staat pleite geht oder das Geld, das man ausgezahlt bekommt, nichts mehr wert ist und auch Beamte nicht mehr bezahlt werden können - schaffen sich Staat und Behörden letztlich selbst ab.
Nein, ich meine das keineswegs zynisch, auch wenn das zunächst so klingen mag. Ich sehe es nur aus einer anderen Perspektive, weil ich es für wünschenswert halte, dass
  • Arbeit und Einkommen gerechter verteilt werden
  • weniger konsumiert und Energie verbraucht wird
  • schlampig produzierte Güter nicht mehr um den halben Erdball geflogen werden, um nach kurzer Zeit hier in den Müll zu fliegen
  • Menschen wieder mehr direkt miteinander kommunizieren anstatt mit ihren Smartphones und Computern
  • unser Verwaltungsapparat verschlankt wird: So viele Milliarden Euro innerhalb eines Jahres ausgeben zu können oder zu müssen, erscheint mir nicht mehr nachvollziehbar.
Der Weg dahin kann freilich steinig werden. Man weiß, wie Menschen in Panik und Angst reagieren. Weil über all die Jahrzehnte der Popanz Wohlstand, Fortschritt, Wachstum aufgebaut wurde, bricht nach Meinung der Politiker und Eliten gleich alles zusammen, wenn dieses ihr Leitbild ausgedient hat, das wir brav für uns angenommen haben. Sie versuchen mit aller Kraft die Säulen - auch ihrer Macht - zu halten, die keiner mehr halten kann.

So müssen wir hoffen, dass nicht irgend jemand auf die Idee kommt, das Modell "Marktwirtschaft" mit einem kriegsinduzierten Reset von 0 zu beginnen - aber so dumm dürfte auch von den mittelmäßigen Damen und Herren an entsprechenden Stelllen kaum jemand sein. Das ist der Vorteil der Demokratie.

Und wir müssen aufpassen, dass die Vernunft und der Frieden die Oberhand behält. Das ist gar nicht so unrealistisch, wenn wir an die letzte Revolution auf deutschem Boden denken - sie war 1989 und sie war friedlich!

Im nächsten Eintrag gehe ich darauf ein, was jeder tun kann, um sich abzusichern, in möglichen Krisen zu bestehen und zum Frieden beizutragen:

- Halten Sie Ihr Geld zusammen und streuen Sie Ihr Verlustrisiko
- Reduzieren Sie Ihre Erwerbs-Arbeitszeit, um Sinnvolles in Ihrer Freizeit zu lernen
- Erlernen Sie jetzt schon Krisentugenden wie Gärtnern, Werken und Improvisieren
- Halten, reaktivieren und knüpfen Sie Kontakt zu Freunden, Verwandten und Nachbarn
- Engagieren Sie sich in Nachbarschaftshilfe, Freiwilligenagenturen, Katastrophenschutz
- Statten Sie sich für Notfälle aus: Bargeld, Dokumente, Notfallgepäck, Lebensmittelvorrat
- Lernen Sie eine Fremdsprache oder andere Kommunikationstechniken

Der Vorteil, wenn Sie all das jetzt tun: Jetzt können Sie es noch, es gibt die Infrastruktur und die Ordnung dafür. Sie üben - wie die Feuerwehr immer wieder ihre Abläufe üben muss, damit sie im Fall der Fälle klappen - und sind für den Ernstfall besser vorbereitet. Wenn einmal das Chaos angebrochen ist, wird zwar vieles möglich sein, von dem Sie heute noch nicht träumen, aber es wird schwieriger.