Mittwoch, März 30, 2011

Am Freitag "erfolgreich" für ein iPad2 in der Schlange gestanden. Nicht für mich, deshalb eine kritische Reflexion darüber:

1. Es gab in der Schlange weitere 100 Leute, von denen vielleicht 30 oder 50 eins bekamen, wenn nicht ihre gewünschte Variante alle war. Die Ladenmitarbeiter durften keinerlei Informationen herausgeben, wieviel Geräte vorrätig waren. Alles geheim, geheim. Wer hinter Position 50 anstand war selber schuld.

Das Gerät selbst: eher überbewertet. Passanten schüttelten zu Recht den Kopf, als sie erfuhren, worum es ging, ein paar Jugendliche schrieen uns sogar erheitert entgegen: "Das braucht kein Mensch!" Recht haben sie. Es ist unhandlich, man kann es nur mit Internetanschluss (WLAN - oder eine Micro-Sim-Karte, die man sonst nirgendwo verwenden kann extra dafür!?) halbwegs sinnvoll benutzen. Es ist wie bei so vielen Nutzern/Nutzungen von Smartphones und Internet nur noch ein weiteres Spielzeug, das von (lebens-)wichtigeren Dingen ablenkt. Ich schließe mich mit diesem Blog ein.

Die Warteschlange erinnert an die DDR, die Massen-Mobilisierung könnte man als faschistoid anmutend interpretieren, das würde aber den Faschismus / Tolitarismus verharmlosen. Wenn man es so formulieren würde, wäre Apple nur eines in der langen Reihe von Wirtschaftsunternehmen mit Quasi-Monopolansprüchen, ob das PC-Betriebssystem mit 95% Marktabdeckung, Pharma-, Mineralöl- und Autokonzerne oder auch Energie erzeugende Unternehmen. Naja, das ist eben die hässliche Fratze der Marktwirtschaft in schönem Gewand.

2. In Japan stehen Leute Schlange für Wasser und Grundnahrungsmittel. Da haben wir wirklich andere "Sorgen". Stellen wir uns mal vor, wir stehen für Grundnahrungsmittel und Wasser an. Hoffentlich nicht. Seien wir froh, dass wir "nur" für so etwas Überflüssiges wie einen elektronischen Begleiter anstellen müssen.

Und vergessen wir nicht: Auch hier zu Lande kann Vater Staat nicht alles richten. Der Staat ruft jeden auf, eine persönliche Krisenvorsorge zu treffen. Er Staat tut das nur nicht so laut, damit keiner Panik kriegt. Gucken Sie mal auf die staatliche Seite zur Ernährungsvorsorge oder lesen Sie die Vorsorgebroschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe.

Denn: Vom Unwetter, Vulkanausbruch in der Eifel oder auch bei menschlichem Versagen, wenn Alt-AKWs hektisch heruntergefahren werden, kann was passieren. Ich bin und war übrigens schon immer gegen AKWs, nicht so wie CDU und -hä?- auch die opportunistische FDP und ja, ich beziehe Ökostrom seit 8 Jahren (erst Lichtblick, seit 3 Jahren konsequenterweise naturstrom), und ja, ich laufe mehrmals täglich 5 Stockwerke Treppen statt Aufzug zu fahren, fahre meist Fahrrad und Bahn, kaum Auto, vermeide Flüge, wohne in einem Niedrigenergiehaus aber ich könnte auch noch auf mehr verzichten. Cool finde ich in dieser Hinsicht übrigens Radiohead, die nur in Hallen auftreten, die mit Ökostrom betrieben werden, Equipment vor Ort mieten statt Sattelschlepper durch die Gegend zu fahren etc.

Nochmal zurück zur Atomkraft (die Stromversorger nennen es lieber "Kernenergie", weil "Atom" schon von der "Atombombe" und den Atomkraftgegnern negativ besetzt ist): Allein die ungelöste "Endlager"-Frage hätte schon in den 50er Jahren das KO-Kriterium für die "friedliche" Nutzung der Atomenergie sein müssen. Selbst wenn es ein Endlager gäbe: Wer kann in 10.000 Jahren noch unsere Gefahrensymbole mit Totenkopf und Strahlendreieck verstehen, wenn wir nach 5.000 Jahren nicht mehr wissen wie Ägypter Pyramiden gebaut haben? Oder schon in wenigen Generationen - also vielleicht 80-100 Jahren die selbst erlebte und erzählte Geschichte und die Weitergabe der Erfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg, dem Naziregime, dem Holocaust verlieren? Und was macht eigentlich unser westlicher Nachbar Frankreich, der mit 75% Stromgewinnung aus der Atomkraft einen einsamen Spitzenplatz auf der Welt einnimmt?

3. Weltweit standen also Tausende von Leuten - großteils vergeblich - für den heiligen Gral namens iPad2 an, während sich z.B. in meiner Großstadt Obdachlose anschickten, in den Schlangen nach einer Spende für sich zu fragen. Jeder dieser Leute in der Schlange war willens und in der Lage, zwischen 500 und über 800 Euro auszugeben aber kaum einer fähig, einem Bettler auch nur einen Cent in den Becher zu werfen.

Atomausstieg, Moratorium oder was auch immer: Der Rechtsstaat und seine Grenzen
Der Atomausstieg von Rot-Grün war plakativ gut aber handwerklich schlecht gemacht, eigentlich typisch für eitle Pfauen wie Schröder, Fischer, Trittin an der damaligen Spitze. Wie so oft setzen Politiker in der ersten Reihe auf Show, während sich nachgeordnete Funktionäre von denen, die etwas von wirtschaftlichem Handeln verstehen, über den Tisch ziehen lassen oder handwerklich schlecht arbeiten. Das war wenig wasserdicht und von den schwarz-gelben Strahlemännern relativ schnell revidiert.

Da die Laufzeitverlängerung aber nun ein Gesetz ist, begeht Frau Merkel nun einen Rechtsbruch, wenn sie gegen dieses Gesetz etwas verfügt (Stilllegung bestimmter AKW, auch wenn nur vorübergehend). RWE und die anderen können mit Erfolgsaussichten und Schadensersatzanspruch an den Staat (uns Steuerzahler) dagegen klagen. Das scheint frech, ist bitter, aber legitim.

Diktatur oder Demokratie, was ist besser?
In Nordafrika finden Zereissproben statt. Die mutigen Bürgerinnen und Bürger wollen sich demokratische Rechte erkämpfen. Hoffen wir, dass sie es schaffen - auch in Libyen und dort auch ohne die Pest von Gaddafi oder die Cholera eines UNO-/Nato-Krieges. Aber hoffen wir auch, dass sie nicht unsere Fehler wiederholen. Was taugt eine repräsentative Demokratie, in der Politiker nicht viel von ihren Bürgern halten und Bürger nicht viel von ihren Politikern? Dazu gibt es genug Literatur, das muss ich hier nicht weiter ausführen. Wenn ein Parlament nur von etwas über 50 % der Wahlberechtigten gewählt wird, gibt es aus meiner Sicht drei Möglichkeiten:
1. Lasst den Anteil der Parlamentssitze leer, der dem Anteil der Nichtwähler entspricht und verlost unter den Nichtwählern diese leeren Parlamentssitze
2. Findet einen Bundespräsidenten, der nicht nur einen gesunden Menschenverstand in seinen Sonntagsrecden verklausuliert äußern, sondern in manchen Dingen auch das letzte Wort (die Entscheidungsbefugnis) haben darf. Das hört sich diktatorisch an, kann aber der Demokratie förderlich sein, wenn er ebenso erkennt, dass
3. Das Volk über bestimmte Dinge entscheiden soll, es sollen also Volksentscheide möglich bleiben. OK, dazu müssten die Medienlandschaft wieder etwas pluralistischer werden und die Punktgröße der Überschriften auf Titelseiten von Zeitungen auf - sagen wir 24 Punkt - beschränkt werden. Wenn wir schon dabei sind, sollte von 9 bis 17 Uhr ausschließlich Bildungsfernsehen (das meine ich ernst, also so richtig Telekolleg Mathematik, Querschnitte, Abenteuer Wissen etc.) erlaubt werden.

Ich persönlich hätte ja noch ein paar mehr, wie z.B.
  • Castingshows verbieten, 
  • 10-jährige Ersatzteil- und Reparaturgarantie für langlebige Konsumgüter - auch Elektronik (ich meine nicht kostenlos, nur dass überhaupt Ersatzteile noch lieferbar und Reparaturen überhaupt möglich sind)
  •  eine Beschränkung der Produktauswahl in jeder Sparte auf die 10 oder 20 qualitativ hochwertigsten und ökologischsten. Was verschwenden wir für Lagerflächen, Transportwege und ZEit bei der Auswahl von Handys, Deodorantsorten oder Joghurtmarken, wenn ohnehin alles fast das gleiche enthält oder kann und letztlich doch keiner SEIN Idealprodukt findet.
  • Die KFZ-Steuer würde ich von der Auslastung abhängig erheben: wer oft allein und meist Kurzstrecke fährt, zahlt viel, denn er produziert die Spitzenauslastung von Straßen und die überlüssig vielen Parkflächen. Damit würden sich Themen wie Innenstadtmaut oder die schwachsinnigen Umweltzonen erledigen, weil Wenigfahrer auf eigene Autos verzichten und auf intelligentere Verkehrsmittel umsteigen würden. In Innenstädten gibt es weniger motorisierten Verkehr, dafür Leih- und Lastenfahrräder, Fahrradkuriere, Taxirikschas mit Elektromotor-Unterstützung, Oberleitungsbusse.
  • Dann könnte man ja noch über die Aussiedlung und ein Wieder-Einreiseverbot für Steuerhinterzieher ab 1 Mio. € Steuerschuld nachdenken, anstatt sich von so Leuten auch noch erpressen zu lassen ("wenn die Steuern zu hoch werden, wandere ich oder zumindest mein Geld ab"). 
  • Natürlich müsste man auf der anderen Seite auch dafür sorgen, dass vom Gemeinderat bis zum Bundeskanzler die Ausgaben transparent gemacht werden und Prestigeprojekte unterbleiben, damit die leider folgenlosen schwarzen Bücher bei den Bundes- und Landesrechnungshöfen oder beim  Bund der Steuerzahler dünn bleiben. Motivierend wäre in dieser Hinsicht, dass die Entscheider bestimmter Maßnahmen für Kostensteigerungen ab einer bestimmten Grenze persönlich haftbar gemacht werden, und da gilt keine Immunität und keine Verjährung. 
Ganz schön schlimme Diktatur, was?

Das setzt natürlich voraus, dass wir einen "Guten" als Staatsoberhaupt haben. Nie war die Zeit besser als heute, einen solchen (ebenfalls über eine Volksabstimmung) vernünftigen Präsidenten oder eine vernünftige Präsidentin zu finden.

Es bleibt natürlich riskant, wenn mal ein anderer drankommt, aber wie man in der Welt sieht, haben die Menschen den Mut nicht verloren gegen ungerechte Regimes zu revoltieren. Selbst die Deutschen haben das schon einmal geschafft, und das ist noch gar nicht so lange her!

Und schließlich: Lieber jetzt harte Maßnahmen ergreifen, wenn es noch geht als später, wenn es gar keine Alternativen mehr gibt. Oder wer von Ihnen glaubt, dass wir in 50 Jahren noch soviel Straßen, Parkhäuser und Autos haben und brauchen können wir heute?