Mittwoch, September 05, 2012

Geld oder Leben?

Was ich auf der dOCUMENTA (13) am 20.8. (zu Gast bei der Veranstaltungsreihe "Winning Hearts and Minds" des Critical Art Ensemble) so plakativ in den Raum gestellt habe, wirft zurecht Fragen auf. Kann man von "Werten" leben? Funktioniert eine Gesellschaft ohne Geld? Sind neue Währungen, die ich propagiert habe - "Teilen, Tauschen, Schenken, Selbermachen" nicht in Wahrheit ein alter Hut? Ist Geld nicht unverzichtbar als Wertaufbewahrungs- und Tauschmittel? 

Naja, wenn ein Porsche-Vorstand 60.000 Euro die Stunde verdient und gleichzeitig über einen Mindestlohn diskutiert wird, ist das auch plakativ, aber - wie ich finde - wesentlich fragwürdiger als sich ein Leben mit Währungen vorzustellen, die im jetzigen "System 1" (Christoph Schlingensief) komplementär zu Geld existieren können und sehr ausbaufähig sind.

Einige Anregungen und Gedanken zu bisherigen und künftigen Währungen:
Bedingungsloses Grundeinkommen oder auch nicht - ein Blog auch mit kontroversen Standpunkten.
Bandbreitenmodell - eine Alternative, eher auf dem jetzigen Wirtschaftsmodell beruhend, protektionistisch?
Ein Seminar an der evangelischen Akademie Tutzing zum Thema Do-it-Yourself-Kulturen

Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich werde mich weiter wiederholen, so wie es Plakate, Anzeigen, Werbebriefe, TV- und Kinospots, sogenannte Virale und Guerilla-Marketing-Kampagnen neuerdings tun, wenn es um "kauf dies, kauf das, kauf einfach irgendwas" tun. Teilen, Tauschen, Schenken, Selbermachen sind in der jetzigen Überflussgesellschaft ein Wegweiser. Regionalwährungen ergänzen diese Kulturen sinnvoll. Lernen wir es jetzt, wenn wir die Ruhe dazu haben und nicht erst, wenn Panik wegen eines schwarzen Freitags, einer montaglichen Währungsreform oder einem anderen Ereignis ausbricht.

Sonntag, August 26, 2012

dOCUMENTA (13) - Ein Rundgang durch die Karlsaue

Im ersten Teil des dOCUMENTA-Rundgangs habe ich versucht, die für mich wichtigsten Stationen im Schnelldurchgang und logistisch optimiert durchzugehen. Wohl dem, der Muße hat. Der soll sich natürlich mehr Zeit nehmen. Die Gebäude haben wir hinter uns gelassen, hoffen wir jetzt auf gutes Wetter. Auch wenn natürlich die meisten Dinge draußen sind, ist auch fast alles wettergeschützt in Pavillons untergebracht.

Kommen wir zum Teil 2 des dOCUMENTA Rundgangs, für den ich unbedingt ein Fahrrad empfehle, oder man ist ein wirklich guter Geher - aber lieber gemütlich Fahrrad fahren als hektisch laufen. Das Fahrrad fahren ist zwar in der Karlsaue offiziell verboten, aber keiner schert sich drum.


Mein Rundgang hat verschiedene Varianten. Entweder Sie beginnen an der Kunsthochschschule. Dort kommen Sie her, wenn Sie aus der Südstadt Kassels (Frankfurter Straße) und somit auch vom Weinberg kommen. Die Orientierung hier ist grob gesagt gegen den Uhrzeigersinn. Sehen Sie sich 76 - die aussterbenden Tierarten aus Abfällen gemacht an, das ist für mich auf dieser Seite eine der stärksten Arbeiten. Die Lichtinstallation (45) habe ich nicht verstanden, oder sie war kaputt. Dann würde ich die Mangoldfähre (123) überqueren, mir die Vietnam-Kriegerzeichnungen ansehen (98), rechts abbiegen zur Betonröhre (99), gleich wieder umdrehen. Frau Trockel (176) hat meiner Meinung nach nicht ihre Bestform hingelegt, also ruhig gleich weiter vor dem Ententeich rechts zur wärmstens von mir ans Herz gelegte Soundinstallation (37), in die Mitte der Lautsprecher gehen, Augen schließen, eine halbe Stunde Zeit zuhören.

Dann zurück auf den Weg zur Henkersplattform (53), weiter um den Teich herum zum Bienenkopf (83), wieder zurück zum Wohnwagen mit Booten im Baum (127), dann weiter Richtung Fulda zum Hippiegarten (120). Das Haus mit Kegeln (138) konnte ich mir nicht erschließen, den Hundeplatz (88)- naja, finde ich schön, wenn man Zeit und einen Hund hat, aber wenn nicht, dann nicht. Auch das Entenhaus mit dem Videoarchiv (187) lohnt nur einen Umweg, wennn man viel Zeit hat, denn nur ein Blick hinein bringt nicht viel.

Auch am Hippiegarten (120) braucht man Zeit, zumal man nicht fotografieren darf, lassen Sie sich durch die Pfade treiben, es ist ein schöner Ort voller Achtsamkeit, Poesie und Fantasie. Wer keine Hippies mag, geht einfach nicht rein. In Richtung Wassergraben (also nach rechts auf dem Plan betrachtet) lohnt sich ein kleiner Abstecher zum Glashaus (54) der documenta 12. Einerseits erinnert es an deren unsägliche Architektur und Präsentation in der Aue erinnert aber gefüllt ist das Glashaus hier wohltuend zurückhaltend. Die Gastronomie kann man im Auge behalten für spätere Verwendung, dort taucht auch nochmals die Protestlieder-Jukebox auf, die wir aus der Neuen Galerie kennen. Würstchen (nicht essbar) und allerlei anderes in Ton - oft fotografiert und in der Presse erwähnt und daher sehr gut besucht - ist die Nr. 107.

Ich würde dann per Brücke den Graben überqueren, von hier aus sieht man die Uhr (155) auch sehr gut. Wenn Sie schon ziemlich angespannt sind, gehen Sie direkt zum Sanatorium (147) oder lassen Sie sich vorher vom Geist (155) erschrecken. Im Sanatorium können Sie einen halbstündigen Termin für eine der dort angebotenen Therapien buchen, ich habe das Philosophische Casino mitgemacht und die Mudras. Es kommt auf die Gruppe an und den Therapeuten. Die Mudra-Schwestern waren an dem Tag etwas demotiviert, die Dame im Philosophischen Casino hat ihre Sache gut gemacht, die "Patienten"-Gruppe aber noch besser. Die Paartherapie lassen Sie lieber bleiben, sonst wird Ihnen der Rest des dOCUMENTA-Besuchs womöglich vergällt, und wenn bei Ihnen ohnehin alles super läuft, ist es auch sinnlos. Leider kenne ich die anderen Angebote nicht, sollen aber noch besser sein, weil sie umso ausgebuchter sind.

Und schon wieder geht's zurück zur Hauptachse, dort besuchen Sie ganz bestimmt das bunte Haus der Time/Bank (174). Queren Sie dann unbedingt zu 152, das ist dieser luftige Pavillon mit Vorhängen, in dem das "Threeing" angeboten wird von 14-17 Uhr (so war es jedenfalls als ich da war). Es macht großen Spaß und dauert nur wenige Minuten. Eines der zahllosen einfachen und doch praktischen "Geschenke", die man von dieser dOCUMENTA (13) mitnehmen kann. Auf dem weiteren Weg, gilt es zu entscheiden: Video gucken oder nicht? Wenn die Zeit reicht, würde ich mich für das knapp halbstündige skurille Video (60) über ein Elternpaar und deren vermeintlicher Afghanistan-Soldatensohn entscheiden.

157 mit den farbenfrohen Fahnen ist nett, würde aber freilich besser wirken, könnte man die Performance dazu sehen. Gleiches gilt für den Sound in Nr. 16, der auch nerven kann, wenn man eher auf Harmonie steht. Die Porno-Scherenschnitte in (6) sind auch sicher nicht jedermanns Sache, ich fand sie originell. 

Nun kann man in die Orangerie gehen (das wäre der Einstieg in die Tour, wenn man vom Friedrichsplatz, documenta-Halle bzw. Innenstadt herunterkommt), aber wie schon im ersten Teil des Rundgangs erwähnt, ist es schwierig die Kunst dort zwischen dem ganzen Technikkram, den das Museum auch sonst beherbergt, zu finden. Es sind meiner Meinung nach auch nicht die stärksten Arbeiten dort. Sehr schnell, da raumfüllend findet man das dreigeteilte Video (168) von dem Finnen über das Atomkraftwerk, das seine Landsleute in einer Kleinstadt bauen. Seufz, noch ein Video und so wenig Zeit.

Nun würde ich weiter an der Welle (22) vorbei zum Hügel (165) spazieren bzw. Fahrrad schieben, nach den Koniferen (101) Ausschau halten, mir vielleicht beim And And And Kiosk (12) ein lecker belegtes Brot oder eine Quiche holen und ein bisschen Pause machen. Weiter geht's über eine kleine Brücke abseits der Karlsaue zum Saharazelt (90), dann natürlich zum Bronzestein im Baum (133). Schauen Sie jetzt am Hang auf dieses monumentale Kriegerdenkmal, aber gehen Sie nicht da hinauf, sondern links davon (154). Lassen Sie sich überraschen, das hier sollten Sie auf jeden Fall machen, und wenn nicht aufwärts, dann abwärts, falls Sie gerade in der Neuen Galerie waren und hier der Einstieg für Ihren Rundgang in der Aue ist. Ansonsten ist das schon Ihr Ausstieg. Reicht ja auch, oder? 

Abschließend sei gesagt, dass ich für die Richtigkeit der Angaben (Nummern der Pavillons) und diese Beschreibungen keinerlei Gewähr oder Haftung übernehme, auch wenn es mir schwer fällt den Fall zu konstruieren, mit dem man mich verklagen könnte. Egal. Viel Vergnügen auf der dOCUMENTA (13).

Freitag, August 24, 2012

dOCUMENTA (13) - ein Gewinn für alle Sinne

Noch 25 Tage. Eine kurze persönliche Führung über die documenta 13.

Wer will schon nach Kassel? Fast keiner. Ich wollte auch nie dort wohnen, bin dann aber aus beruflichen Gründen 1991 hingezogen. Und 13 Jahre geblieben, bis ich wieder aus beruflichen Gründen nach Köln gezogen bin.

Alle 5 Jahre gibt es in Kassel die Documenta. Sie ist eine der wichtigsten Kunstausstellungen der Welt. Die dOCUMENTA (13) untermauert diesen Ruf. Ich habe netto etwa 30-40 Stunden gebraucht, um alles  zu sehen (dabei habe ich natürlich nicht alles gleich intensiv betrachtet und erst recht nicht die Videos in voller Länge).

Es wurde viel Positives über diese dOCUMENTA (13) geschrieben. Ausnahmsweise kommt sie auch bei der Kunstkritik gut an. Mit Recht. Die dOCUMENTA (13) regt alle Sinne an. Sie fordert intellektuell heraus. Sie provoziert. Sie verstört. Sie verwirrt. Sie inspiriert. Sie lädt ein zur aktiven Teilhabe. Sie widmet sich nicht nur programmatisch ökologischen und sozialen Fragen, sondern auch praktisch: Keine Imperialisten-Cola von den großen Anbietern, sondern von einer Hamburger Brausefirma, fair gehandelten Bio-Kaffee, vegetarische Speisen, all das findet man. Frau CCB lässt sich nicht von der größten Limousine wie ihre Vorgänger, sondern einen UP!, dem kleinsten Modell des Hauptsponsors VW chauffieren. Oder sie fährt mit einem Fahrrad durch die Aue.



Es gibt allerhand zu entdecken. Wenn man nur einen Tag Zeit hat, sollte man auf jeden Fall an einem Wochentag gehen, denn am Wochenende ist es überfüllt, und man muss gut planen, es sei denn man hat Freude daran, mit anderen eine soziale Skulptur zu bilden, sprich sich nett in der Schlage zu unterhalten.

Schön ist sicherlich, eine dTOUR zu buchen. Das ist keine Führung im herkömmlichen Sinn, sondern man wird von "Worldly Companions" angeregt, sich auszutauschen. Schwer nur, sich für einen Ort der dTOUR zu entscheiden. Ich persönlich würde wahrscheinlich die Neue Galerie oder das Ottoneum nehmen oder den Hauptbahnhof. Das Fridericianum ist einfach zu voll. Versuchen Sie es dort lieber mittags auf eigene Faust. Was Sie vielleicht nicht sofort entdecken: Wenn Sie Glück haben, führt der Künstler Walid Raad um 15 Uhr durch seine Ausstellung (zu sehen in einem Gebäude in der Verbindungsstraße zwischen Friedrichsplatz und Königsplatz) - sonst nehmen Sie dort den Flyer mit und lesen, die Geschichte ist wirklich interessant. Irgendwie musste ich das assoziieren mit einer Kaffeefahrt nach Dubai (bitte diesen Link nicht ganz ernst nehmen, der Rentrop Verlag wirbt schon seit Jahrzehnten so).
Recht markantes Bild nahe des Unteren Karlsstraße Ausstellungsraums

Kleiner Vorschlag für eine Tour über ein bis zwei oder mehr Tage

Ich führe hier der Einfachheit halber meine Beschreibung und die Nummer im Plan in Klammern auf, Künstlernamen und Titel stehen im Buch. Meine Beschreibungen mögen teilweise etwas flapsig klingen, aber ich bin wirklich ein großer Fan dieser dOCUMENTA, und ich will keinen Künstler brüskieren, es ist halt immer so, dass man nicht mit JEDEM EINZELNEN etwas anfangen kann. Die nachfolgende Beschreibung ist in einem auf der dOCUMENTA-Karte basierenden Plan blau gekennzeichnet, der Weg in der Karlsaue ist braun gehalten.


 
So, los geht's am Hauptbahnhof. Entweder Sie leihen sich gleich zur Einstimmung den iPod aus am Offenen Kanal (37/ rechts neben dem inzwischen geschlossenen Drogeriemarkt). Dauert ca. 20 Minuten, lohnt sich unbedingt, und wer mehr von diesen Künstlern will, MUSS unbedingt in der Karlsaue ganz nach hinten zu Nr. 37 - aber dazu später mehr. Wer unglücklicherweise beides verpasst, tröstet sich mit einem kleinen Ausschnitt. Am Südflügel ganz hinten kann man auch anfangen, wenn es woanders zu voll ist. Wenn man Zeit hat: ich fand das Video (2), eine Fiktion über die Anfertigung einer Statue eines Militärdiktators, ganz witzig. Die Briefumschläge (141) sind schnell gesehen, beim Abendmahl in Simbabwe (41) bin ich etwas länger geblieben. Beklemmend sind die letzten Momente der Handyfilmer des arabischen Frühlings (122). Tipp: Daumenkinos von vorne nach hinten abspielen, das machen die meisten verkehrt herum. Wenn es schon eilt, gehen Sie hinüber zum Nordflügel, ansonsten kratzen Sie sich noch den Kopf oder Sack bei skurillen Videos (161) im 1. OG, erotisch? Naja, wer es mag - 182 nebenan war mir aber etwas zu esoterisch. 

Die Nachrichtenmeisterei weiter hinter dem Südflügel ist eher etwas, wenn Sie am späten Abend noch ein paar Minuten übrig haben und den Kreis schließen wollen. Dort ist auch eine informelle Gastronomie, schön am frühen Abend. AndAndAnd dahinter in der Turnhalle erfahren Sie besser mittags in der Karlsaue beim Imbiss. Bei den Entfernungen zeigt sich schon im Bahnhof, warum es sich lohnt ein Fahrrad zu haben, spätestens in der Karlsaue wird es zur Gewissheit.

Ich fand die rechte Seite des Nordflügels interessanter, die Jalousien (189) kann man in der Warteschlange von William Kentridge (93) betrachten , wenn man Glück hat ist bei William Kentridge keine Schlange. Nutzen Sie die Wartezeit auch, um etwas zu dem Erdhügel (139) vor den Holz-Nähmaschinen (44) im Nordflügel zu lesen, das kommt live auch besser, beim Hören im Vorbeigehen, versteht man nicht so recht, was hier gespielt wird. Der Raum hinter den Nähmaschinen ist zwar sehr interessant, aber Breitenau, das sich als Thema durch die Ausstellung zieht, ist ein eigenes Kapitel, und es ist etwas frustrierend, wenn man nur an der Oberfläche kratzt. Wer noch nie auf einem Schrottplatz war, gucke sich die ausgesuchten Stücke von Frau Favaretto an. Um 12 Uhr ist dahinter täglich eine Performance eines anderen Künstlers im grauen Haus (42) des Critical Art Ensemble - meine Performance am 20.8. haben Sie leider verpasst? Schade.

Jetzt wird es strategisch wichtig, richtig zu planen. Je nach Uhrzeit kann es sinnvoll sein, die Mittagszeit für die Neue Galerie zu nutzen, um das wahnsinnige Werk im 1. OG (59) mit den TIME Ausschnitten der letzten 65 Jahre anzusehen. Dort dürfen nicht viele Leute rein, und man hat schon Wartezeiten von 1 Stunde gesehen. Fahren Sie am besten mit dem documenta-Bus vom Hauptbahnhof bis zur Haltestelle Rathaus.

Besuchen Sie zunächst das Hugenottenhaus. Da ganz unbedingt die Tanzperformance erfahren (159), die im Plan zwar unter "Hotel Hessenland" steht, aber am einfachsten über das Nachbargrundstück rechts vom Hugenottenhaus und den Hinterhof erreichbar ist. Leider auch inzwischen gut besucht, aber vielleicht auch deshalb umso spannender. Das Haus selbst ist nett, aber eben auch immer gut besucht.

Den Rest in der Umgebung des Hugenottenhauses habe ich mir ehrlich gesagt nur ganz kurz angesehen, keine klare Kaufempfehlung hier. Wer mal ein richtiges Durcheinander in einer Stadtbücherei sehen will, muss kurz ums Hugenottenhaus herum rechts, verboten über die Straße und hoch in den 5. Stock des hässlicheren Teils des Rathauses. Aber Vorsicht Öffnungszeiten! Nur bis 14 Uhr, am Montag gar nicht, und am Donnerstag bis 17 Uhr.

Wenn Sie in der Neuen Galerie ankommen, vertreiben Sie sich ggf. die Wartezeit im Untergeschoss (orientalische Märchentheater mit antiken Puppen auf Video, ein Handyvideo - naja - ein gläserner Knoten (94)  - schnell gesehen - und ein paar lustige Schwarz-Weiß-Miniaturfotografien (129) mit Kommentaren). Aber auch bei den reichlich vorhandenen anderen Werken im Obergeschoss muss man sich nicht grämen, wenn man das TIME-Panoptikum nicht sieht. "Zur Not" ist hier auch der "normale" Bestand der Neuen Galerie zu sehen, auch nicht zu verachten. Im OG fand ich besonders beeindruckend das Interview-Video mit einem Auftragskiller aus Lateinamerika, das in Kassel aufgezeichnet wurde, läuft nur auf einem Fernseher in einer Nische (7). Der Rest ist glaube ich schnell selbst zu entscheiden: Bilder, Skulpturen - gefällt, interesssiert oder nicht. Über die "Anger Workshops" (149) im Zentrum des 1. OG können Sie nachlesen oder selbst einen buchen, nachdem Sie sich Ihr Frust über die langen Wartezeiten aufgebaut hat. Die Musikbox gibt es in der Karlsaue-Gastronomie nochmal.

Aus der Neuen Galerie heraus gehen Sie einmal der straßenabgewandten Seite entlang bergab bis zur Brücke, mit deren Hile Sie die Straße überqueren zum Weinberg.
(Hier muss ich mal etwas loswerden: Früher hatte die Stadt Kassel 63% Grünflächen, das ist rekordverdächtig für eine deutsche Großstadt. Und was machen sie nun? Zubetonieren anstatt die zahlreichen Unorte aufzuwerten und leerstehende Gebäude und Brachflächen zu erschließen. Als ich wegzog, waren es nur noch 59% Grünfläche (2003, fragen Sie mal wieviel es jetzt noch sind), und anstatt mit seinem wertvollen Grün anständig umzugehen, wird jetzt hier auch dieser Erlebnis-Tourismus veranstaltet. Grimm-Welt, bitte, was soll das denn? Das Grimm-Museum gegenüber der Neuen Galerie ist total nett und beschaulich und passt zu den Brüdern Grimm, aber nein, jetzt soll da gleich wieder ein Erlebnispark draus werden, vielleicht mit Achterbahnanschluss in die Aue, und den Zissel machen wir ganzjährig, und wenn die Buden schon mal alle stehen, kann man auch das Bowling Green anständig betonieren, damit da nicht so viel gegossen und Rasen gemäht werden muss und die Bürger da faul rumlungern - so wird wieder eine ansprechende Grünfläche geopfert, obwohl genau das der USP von Kassel ist. Naja, ich bin jedenfalls dagegen, es gibt auch eine Bürgerini, aber ich wohne da ja nicht mehr. So, schneiden Sie diese Passage raus, bevor Sie es ausdrucken, Sie wollten ja geführt und nicht von einem Ex-Kasseler mit Tourette-Anfall belehrt werden.)

Also weiter im Text. Sie können nun vom Weinberg oben links neben dem Museum für Sepulkralkultur verbotenerweise (Schild ignorieren) durchs Törchen von oben in die Weinberg-Terrassen (179), um die etwas apokalyptischen Gips-Skulpturen zu sehen, laufen Sie bis ganz unten und machen noch einen Abstecher über den Bunker (oder sparen Sie ihn sich, es gibt den Bunker, Flötentöne und noch etwas zu sehen, was ich vergessen habe). Dann geht es über die breite Straße ins Grüne, nämlich in den Auepark. Über die Karlsaue kommen Sie ca. an 145 oder 76 heraus, laufen am Wassergraben zurück Richtung Orangerie, nehmen links beim AndAndAnd Kiosk (42) noch eine Schnitte Brot mit und setzen sich auf die orange Bank am Grünen Hügel im Nichtstun Garten (165).

Noch kein Feierabend? Kleines Zeitfenster? Dann gehen Sie lieber zur documenta Halle. In der Orangerie verzetteln Sie sich nur mit der ständigen Ausstellung an Fernrohren, alten Telefonen und anderen Technikgeräten. Und die Kunst ist hier ein bisschen schwierig zu finden, wie ich finde. Richtig erinnern kann ich mich nur noch an die Aufführung im Planetarium und ein Audiospielzeug (95). 

Versuchen Sie erst gar nicht in der Aue noch etwas groß anzugucken außer im Vorbeigehen. Es ist zu spät, und Sie haben Ihr Fahrrad vergessen, denken Sie morgen dran. 

Wenn es also noch früh genug ist, durchstreifen Sie den Keller der documenta Halle. Der Teil (Video, technisches Wasserkonzept für Menschen) links vom Café (119), bedarf eingehender Betrachtung, weil es verstörend aktuell ist. Rechts vom Café geht es zurück in die 80er (25 - genau zuhören bei den Motoren!), endlich ist dieser Raum mal richtig gut bespielt. Überhaupt habe ich bei dieser dOCUMENTA (13) das Gefühl, dass jeder Raum den richtigen Künstler bzw. jeder Künstler den richtigen Raum gefunden hat. Das kleine Filmchen hinter dem Riesen-Flugzeug aus kleinen Flugzeugen muss man nicht unbedingt gucken, aber das Video-Schattenspiel ganz hinten (108) sollte man nicht verpassen. 

So, das haben Sie jetzt aber tapfer geschafft. Das überlackierte Internetbilder-Panoptikum ist so-so. Ich meine, hier lohnt sich das Schlangestehen nicht. Ich finde es zwar schlau gedacht, von wegen Bilderflut und verschwinden lassen, und was ist Kunst wert etc., aber als ich heute den Künstler sah, wie er sich mit seinem Porträt zeigte, das er heute übermalen lässt - naja, das überzeugt mich nicht so. 

Noch ein alternativer Weg zwischen Fridericianum und Hauptbahnhof, den ich unbedingt empfehle: Gehen Sie vom Friedrichsplatz nicht die Treppenstraße hinauf, sondern durch die Untere Karlstraße, die - wenn man vor dem Fridericianum steht - links daran vorbei führt. In der Biegung stoßen Sie auf zwei Eingänge, ich persönlich fand den linken und dort das EG (143) am besten. Dann gehen Sie zum Königsplatz hoch, ein kurzer Blick ins Kaskade-Kino (26) ist amüsant, kurzweilig, und man weiß nicht, ob man sich jetzt schämen muss, dass man gelacht hat. Gucken Sie sich die zwei Filme schamlos an, sie dauern vielleicht insgesamt 6 Minuten oder so. Dann gehen Sie weiter, und zwar am schönsten an diesem Einkaufzenturms-Klotz namens Citypoint vorbei (nicht deswegen) über den Lutherplatz, dort ist ein alter Friedhof und nebendran bei der Kirche die Keimzelle für "essbare Landschaften" in Kassel. Ok, nicht verzetteln, dahinter ist das alte Finanzamt (48) mit den fragilen Kreidezeichnungen aus kaputtem Filmmaterial, das eigentlich für einen Afghanistan - noch ein Film - vorgesehen war. Viel besser so, aber verrückt, dass das nachher einfach weg sein wird. Genießen Sie den Anblick.

Morgen geht es weiter mit Tag 2 oder 3 auf der dOCUMENTA (13). Da machen wir dann den Halbmarathon durch die Karlsaue. Das Fridericianum ist ohnehin Pflicht, das werde ich erst gar nicht besprechen, vielleicht wollen Sie sich ja doch hier im "Brain" der künstlerischen Leiterin den dTOUR-Worldly Companion nehmen.